Das Fibromyalgiesyndrom

Das Fibromyalgiesyndrom (FMS) wird in der Medizin leider immer noch viel zu häufig gegensätzlich diskutiert. "Eingebildete Kranke, Erfindung der Pharmaindustrie, psychisch auffällig oder Rentenjäger" sind nur einige Aussagen, mit denen Betroffene immer wieder konfrontiert werden - und das, obwohl die Erkrankung für die Patienten ohnehin schon Leid genug bedeutet. Die Krankengeschichten und die damit vielfach verbundenen Ablehnungen und Kränkungen ziehen sich oft über Jahre und Jahrzehnte hinweg.

Die Diagnose eines Fibromyalgiesyndroms erfolgt derzeit ausschließlich nach symptombasierten Kriterien (chronische Schmerzen in mehreren Körperregionen, oft Muskelschmerzen, Steifigkeits- und Schwellungsgefühl der Hände, Füße und des Gesichts sowie Müdigkeit und Schlafstörungen). In westlichen Industrienationen beträgt die Krankheitshäufigkeit des FMS bei Erwachsenen in der allgemeinen Bevölkerung 1-2(-5)%. Bei Frauen zwischen dem 60. und 80. Lebensjahr wird sogar eine Häufigkeit von 5-7% geschätzt. Das Verhältnis von Frauen zu Männern beträgt 4-6:1. Auch Kinder sind schon oft sehr früh betroffen. Wie bei den Erwachsenen dominieren bei ihnen neben der Schmerzsymptomatik in Muskeln, Sehnen, Faszien und Bändern ebenfalls die vegetativen Symptome wie Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Erschöpfbarkeit sowie Beschwerden im Magen-Darm-Trakt.

Patienten mit FMS sind sehr heterogen. Das Kardinalsymptom des Fibromyalgiesyndroms sind chronische multilokuläre Schmerzzustände. Die Patienten können die Gelenk-, gelenknahen und Muskelschmerzen oft nicht sicher zuordnen. FMS-Patienten präsentieren sich mit einer Vielzahl unterschiedlicher sensorischer Auffälligkeiten, Schmerzqualitäten und begleitenden Komorbiditäten. Eine aktuelle Untersuchung unserer Arbeitsgruppe an über 3000 Patienten konnte zeigen, dass klinisch relevant vor allem Druckschmerzhaftigkeit der Muskulatur und des Weichteilgewebes (58%), schmerzhaftes Kribbeln und Prickeln (33%), Brennschmerz (30%) und eine thermische Überempfindlichkeit (26%) sind. Mäßig bis schwer ausgeprägte Begleiterkrankungen treten häufig zum FMS hinzu; so fanden wir in 66% der Fälle eine Depression und bei jedem zweiten Patienten ausgeprägte Schlafstörungen (Rheumatology, Rehm et al., 2010, in press) vor. Das Fibromyalgiesyndrom tritt überzufällig häufig Hand in Hand entzündlich-rheumatischen Erkrankungen auf. Das kann Diagnose und Therapie erschweren.

Verschiedene pathophysiologische Veränderungen sind fraglich mit dem FMS assoziiert, ohne dass aber die Ursache-Wirkungs-Relation tatsächlich geklärt ist. Dazu gehören Störungen der zentralen Schmerzverarbeitung, eine Hyporeaktivität der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenachse, eine Störung des Wachstumshormon-Systems, erhöhte systemische pro-inflammatorische und verminderte anti-inflammatorische systemische Zytokinprofile und Veränderungen des dopaminergen und serotonergen Systems. Keine Veränderung konnte bis dato als kausal belegt werden.

Auch therapeutisch ist das FMS eine Herausforderung, da es weder die "Wunderpille" noch eine durchschlagende konservative Therapie gibt. FMS-Patienten haben oftmals ganz anders geartete Bedürfnisse und  Ressourcen und sind nicht so einfach vergleichbar mit anderen chronischen Schmerzpatienten. Daher ist eine vielversprechende Therapie eine solche, die auf eine ausgewogene Mischung aus wenigen wirksamen Medikamenten sowie aktiven und passiven Behandlungsansätzen im interdisziplinären Team setzt. Dies tun wir in Tutzing in sicher einzigartiger Weise in speziellen Fibromyalgiegruppen.